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03.03.2009
Rede
anlässlich der Eröffnung der LogiMAT 2009
Es gilt das gesprochene Wort!
Saarbrücken/Stuttgart, den 3. März 2009
Prof.
Dr. Klaus-J. Schmidt
Die Branche bewegen - Chancen nutzen
Saarbrücken/Stuttgart,
den 3. März 2009
Prof. Dr. Klaus-J. SchmidtGerne
greife ich die Steilvorlage von Herrn Dr. Freudenberg
auf und ergänze:
„
Jammern hilft nicht, jetzt
kommt es darauf an, in dem tiefen Abschwung, den wir
alle - ohne Wenn und Aber akzeptieren müssen, Zeichen
zu setzen und die Stellhebel zu nutzen, die uns gestärkt
aus der Krise herausführen“.
Bezogen auf die Klientel, die von der Logimat direkt
oder indirekt profitiert, sind nahezu
alle Industrie- und Dienstleistungsbereiche betroffen.
Betroffen sind die Anbieter und Nutzer logistischer und
produktionsintegrierter Infrastruktur, die Anbieter und
Nutzer von Beratungsleistungen für logistische
Strategien, innovative Strukturen und Prozesse sowie
die logistischen Innovationstreiber in Hochschulen, Forschungsinstituten
und Forschungsstellen der Unternehmen.
Ein Zeichen haben Sie als Aussteller bereits gesetzt,
indem Sie in diesem Jahr in noch gestiegener Anzahl präsent
sind und damit auch Ihren potenziellen Kunden ein Signal
geben. Ein Signal für Ihre erkennbare Bereitschaft
zur Mitgestaltung und zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit.
Ein weiteres Zeichen können Sie als Besucher setzen,
indem Sie über Ihre Teilnahme bereit sind für
fruchtbare Gespräche für die Nutzung der jetzt
möglichen Gestaltungsspielräume.
Gerade in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen kommt es
auf eine sehr starke Zusammenarbeit zwischen den Wertschöpfungspartnern
an. Hier lassen sich dann auch Modelle vereinbaren, die über
die in Folge der noch weiter zunehmenden Liquiditätskrisen
der Unternehmen hinweg helfen.
Lassen Sie mich, bevor ich versuche, die erwarteten Hinweise
zur Krisenbewältigung in den Unternehmen zu geben,
einige Aussagen aufgreifen, die wir im Rahmen einer Befragung
für unseren Automobilkongress am 25./26. März
1) in Saarbrücken erhoben haben.
Einige der Fragen/Antworten, die von Vertretern der Automobil-
und Zulieferindustrie mit hoher Übereinstimmung,
so wie unten gezeigt, getroffen wurden (vgl. gesonderte
Auswertung):
6 der genannten Schwerpunkt-Ursachen für die Krise
(nur Auszug):
- Produktpreise im Verhältnis der Einkommenssituation
zu hoch
- Produktspektrum bildet nicht den Bedarf nach Innovation
/ Umweltverträglichkeit
ab
- Finanzkrise und abnehmende Bereitschaft, für
Investitionen Geld auszugeben
- Glaube/Einschätzung,
dass das starke Wachstum der letzen Jahre weiter anhält
- Glaube/Einschätzung, dass das eigene Unternehmen
nicht vom Abschwung betroffen sein wird
- Eskalationsmechanismen
bei Herstellern und Zulieferern unzureichend (genutzt)
5
der genannten Schwerpunkt- Maßnahmen zur Bewältigung
der Krise (nur Auszug):
- Neue, noch flexiblere Arbeitszeitmodelle
auch jahresübergreifend
und arbeitszeitreduzierend
- Kosten sparen, Liquidität
sichern mit neuer Relevanz insbesondere im Mittelstand
- Projekte, die nicht direkt mit Produktentwicklung
zu tun haben, werden verschoben
- Durchführen
von KVP- und Lean-Maßnahmen
intern und bis zu den Zulieferern
- Kurzfristig
In-Sourcing, mittelfristig mehr Flexibilität
durch mehr Out-Sourcing
Jahreskongress des AKJ Automotive „Design for
Excellence – Gemeinsam aus der Krise am 25. und
26. März in Saarbrücken mit 18 Fallbeispielen
der OEM/Zulieferer/Dienstleister, Podiumsdiskussion mit
Executives und vor Ort in den Fabriken von Bosch, Ford,
GM/Opel, SMART, ZF Getriebe – www.akjnet.de/akj2009.
Viele der Aussagen lassen sich auch auf Branchen außerhalb
der Automobilindustrie übertragen, wenngleich es
Branchen gibt, die auch derzeitig noch weiteres Wachstum
generieren. Dies sind z.B. Teilbereiche der Gesundheitsindustrie
und die Umweltindustrie, jeweils mit ihren Zulieferern,
oder generell viele der Branchen, die nichts mit Transporten
und der Fahrzeugindustrie zu tun haben.
Das noch zur Vergangenheit. Nun, was können wir
konkret tun?
- Von der Prozess-Denke zur Struktur-Orientierung
Blickt man einige Jahre zurück, so lässt sich
feststellen, dass sich Dienstleiter und Anwender sehr
intensiv mit den Prozessen in den verschiedensten Unternehmensbereichen
beschäftigt haben, so auch mit den Prozessen in
der Logistik. Dies unter der Prämisse: „Der
Prozess und das Prozessergebnis sind das Ziel, alles
andere wird sich hieran ausrichten“. Auch dort
wo Strukturen in Form von Hardware, Infrastruktur angeboten
wurden, wurde dies unter dem „Fokus“ Prozess
vermarktet und auch umgesetzt.
Aus meiner Sicht sind mit dieser Vorgehensweise viele
Potenziale auf der Strecke geblieben. Auch die Struktur
und hiermit meine ich für die Logistik sowohl die
Infrastruktur für Logistik als auch die Organisation
mit den entsprechenden Veranstaltungen ist entscheidend
für den Langfristerfolg. Wie Logistik im Unternehmen
organisiert ist, d.h. in der Beschaffungsseite, in der
Fabrik und zum Kunden und im Zusammenhang untereinander,
hat entscheidenden Einfluss. Mit der heute in vielen
Unternehmen noch üblichen dezentralen, segmentierten
Verantwortung für Logistik sind die Unternehmen
nicht mehr zukunftsfähig.
Die Unternehmen verschenken so 5 bis 10 % der gesamten
Produktkosten. Wir brauchen einen deutlich zentraleren
Fokus in der Logistik.
- Von der Bestands-Denke zur Working Capital Orientierung
Dass die Materialbestände (Roh-, Hilfs-, Fertigwarenbestände)
derzeit besonders im Fokus der Konsolidierung sind, erklärt
sich aus der aktuellen Situation zurückgehender
Liquidität und damit auch zurückgehender Fähigkeit,
Bestände im eigenen Unternehmen noch bezahlen zu
können.
So sind natürlich alle Maßnahmen gefragt,
die hier einen konkreten Beitrag leisten können.
Berücksichtigt man, dass bei vielen, auch guten
Unternehmen, die in der Komplexität der Produkte,
in den Teilen, den Fertigungsflüssen, der Lieferanten-
und Kundenstruktur vergleichbar sind, die auf Umsatz
bezogenen Bestandreichweiten zwischen 2 und 20 Tagen
liegen, dann sieht man, welch ungeheure Verschwendung
an Liquidität vorliegt. Dass hier von den kreditgebenden
Banken keine Vorgaben gemacht werden, ist eigentlich
unverzeihlich.
Nun greift das Denken in ausschließlicher Bestandsreduzierung
noch viel zu kurz, berücksichtigt man den Stellhebel
Working Capital. Letztendlich geht es nämlich
nicht nur um das Reduzieren von Einzelkosten im Unternehmen,
sondern um die Senkung der Gesamtkosten in der Supply
Chain.
- Von der Kurzfrist-Denke zur Mittelfrist-Orientierung
In den letzten 5 Jahren hat sich das Top-Management
in zunehmendem Maße auf kurzfristige Wertmaßstäbe
hin ausgerichtet. Getrieben durch kurzfristigere Bewertungszyklen
und die Möglichkeit, kurzfristige Erfolge durch
kurzfristig wirkende Instrumente zu erreichen, wurden
so zunehmend die Langfristwirkungen außer Acht
gelassen.
Sind denn wirklich z.B. 5 kleinere Maßnahmen
mit Amortisationszeiten unterhalb eines Jahres in 5
Jahren
erfolgreicher als 1 über 5 Jahre sich rechnendes
Strukturprojekt? Wir müssen wieder zu Bewertungsmaßstäben
kommen, die auf Zeiträume größer 3
Jahre ausgerichtet sind. Hierin lassen sich dann auch
kleinere
Maßnahmen strategisch wesentlich besser einordnen.
- Von
der Kennzahl-Denke zur Supply Chain-Transparenz
Viele Unternehmen haben in der Vergangenheit sehr gute
Mess- und Bewertungs-Instrumente installiert, die über
die verschiedenen Ebenen der Unternehmen und in den Prozessen
der Fabriken Leistungen und Aufwand messen und in vielen
Fällen auch in Einklang bringen zu übergeordneten
Zielen.
Dies ist als positiv zu beurteilen.
Was heute fehlt, ist das Herstellen von Transparenz über
die gesamte Supply Chain, d.h. über die einzelnen
internen Prozesse hinweg. Unternehmen, die aus den Erkenntnissen
der letzten Krise Anfang der 90er Jahre die danach geschaffenen
Instrumente auch im letzten Jahr noch genutzt haben,
stehen heute besser da - besser im Vermeiden des Aufbaus
jetzt überflüssiger Kapazitäten und besser
im Erkennen von Veränderungen des Marktes.
- Vom
Kistenschieben zum Werte schaffen
Die Logistik hat es auch durch den Einsatz einer zunehmenden
Anzahl von Akademikern oder auch sehr anerkannten Innovationsbeispielen
der Logistik immer noch nicht geschafft, ihr Image „Heben,
Zerren, Schieben“ für die Produktion bzw.
den Vertrieb oder den Einkauf los- zuwerden, d.h. einen
eigenständigen Beitrag zur Wertschöpfung
im Unternehmen deutlich zu machen.
Wertschöpfung findet klassisch und gefühlt
eher in den rein technischen Bereichen, d.h. Entwicklung,
Fertigung, Oberflächenbearbeitung, Montage etc.
statt.
Obwohl diese Bereiche im Anteil an der Wertschöpfung
im eigenen Unternehmen ganz massiv zurückgehen,
erfahren die hier Verantwortlichen immer noch erheblich
höhere Wertschätzung als die Verantwortlichen
in und für die Logistik.
Richtungsweisende Unternehmen haben dieses Defizit erkannt
und ordnen die Logistik neu über die „wertschöpfenden“ Disziplinen
hinweg, als eigene Technologie ein. Dies schafft neben
dem dann gemeinsamen Verständnis für Potenziale
auch neue Möglichkeiten, Prozesse und Strukturen
neu zu gestalten.
Die LogiMAT sehe ich hier als einen Ort, in dem ein
breiter Strauß von Konzepten, Instrumenten und
Infrastrukturen verfügbar, erlebbar und bewertbar
gemacht werden. Bewertbar für kurzfristige, mittelfristige
und hoffentlich langfristigere Entscheidungen.
Hierfür wünsche ich Ihnen und uns allen die
notwendigen Erkenntnisse und eine glückliche Hand
in der Umsetzung neuer Projekte und Erfolge.
Es gilt das gesprochene Wort - Sperrfrist
für die Veröffentlichung 3. März 2009,
10:00 Uhr
Stuttgart, den 3. März 2009
Prof. Dr. Klaus-J. Schmidt - Chief Science Officer
am Institut für Produktions- und Logistiksysteme
und
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
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